Der lange Weg nach Osh - oder der Weg ist das Ziel


12. Oktober 2017:

Nicht der kürzeste Weg ist auf unseren Touren der lohnenswerteste, sondern neue Wege, die häufig abseits der Hauptverbindungsstraßen liegen. So entscheiden wir uns für die Fahrt von Bishkek nach Osh für die viel weitere Strecke über den Töö-Pass und dann über Kochkor. Unterwegs wollen wir noch den malerischen Song-Köl See besuchen. Dieser liegt auf 3.000 Meter Höhe und wir wissen nicht, ob wir wegen der späten Jahreszeit überhaupt bis dorthin vordringen können. Aber ein Versuch ist es allemal wert.

In Kochkor können wir im Hof des Happy Hostels übernachten. Hier gibt der Name die Lebenseinstellung der Besitzer wieder. Die ältliche kleine Dame, die uns herzlich begrüßt, lacht die ganze Zeit und schwatzt drauflos. Es kommt von Herzen und obwohl ich kein Wort verstehe, erschließt es sich auch ohne eine gemeinsame Sprache. Die Familie hat kurzerhand ihr Haus in ein kleines Hostel umfunktioniert, serviert die Mahlzeiten in der im Hof abgestellten Jurte, wo sie selbst tagsüber lebt. Das Badezimmer wird gemeinsam mit den Gästen genutzt und nachts schlafen die Großeltern in einem zum Schlafzimmer umgestalteten Container, nur die junge Familie mit ihren Kindern schläft ebenfalls im Haus.

Als wir abbiegen zum Song-Köl bedeuten uns die entgegenkommenden Einwohner, dass der See wegen des vielen Schnees nicht mehr erreichbar ist. Aber wir fahren trotzdem durch das viele Kilometer lange Tal und wollen soweit kommen, bis der Schnee uns am Weiterfahren hindert. Wir durchqueren und erfreuen uns an der wunderschönen Landschaft bis der Schnee uns stoppt. Die Wanderschuhe weden geschnürt und wir stapfen begeistert durch die weiße Pracht. Nur die Yaks, die mit ihrem dicken langen Fell und der imposanten Statur eigentlich furchteinflößend aussehen, laufen ängstlich vor uns davon. Zum See ist es zu weit, trotzdem ist es ein lohnender Abstecher.

Nun ist guter Rat teuer. Wenn wir die geplante Route über Naryn weiter verfolgen, müssen wir über einen 3.000 Meter hohen Pass. Kommen wir durch oder wird der Weg dort ebenfalls durch Schnee versperrt sein? Da wir aber bereits so weit gekommen sind, probieren wir es einfach und fahren weiter. Ab Naryn wird die Strecke schlechter. Wir durchqueren die imposante Naryner Hochebene, die von schneebedeckten drei- und viertausendern umgeben ist. In der Nacht genießen wir völlige Einsamkeit und Millionen von Sternen wachen über unseren Schlaf.

Als wir uns am nächsten Morgen dem Pass nähern, atmen wir erleichtert auf. Die Piste ist geräumt, wir schrauben uns in die Höhe. Klaus gerät in einen wahren Begeisterungstaumel, als wir durch die dick verschneite Bergwelt fahren. Immer wieder werden Fotostopps eingelegt. Im strahlenden Sonnenschein verwandelt das Tauwasser, das in kleinen Bächen die Strecke hinunterfließt, die Piste in ein einziges Matschfeld. Mit Allrad kämpfen wir uns weiter, aber nach der nächsten Kurve wird unsere Fahrt abrupt beendet. Nicht der LKW, der dort die Passstraße blockiert, ist das Problem. Es ist der tiefe Matsch, der ein Weiterkommen auch für uns unmöglich macht. So kehren wir, wenige Meter vor der Passhöhe, frustriert um.

Auf der Fahrt zurück kündet ein großes Verkehrsschild eine Abkürzung an: Jalal-Abad 227 km. Wir biegen auf eine nagelneue Asphaltstraße ab. Nach diversen Kilometern hört der Aspahlt auf, aber der Weiterbau der Straße ist schon so gut vorbereitet, es ist ein Vergnügen darüberzufahren. Diesmal rollen wir durch ein von roten Felsen umrahmtes Tal, durch das der Fluß malerisch entlang der Bäume, die im bunten Herbstlaub in der Sonne leuchten, hindurchfließt. Immer wieder werden wir an Baustellen von Bauarbeitern weitergewunken. Nach Stunden erbarmt sich einer und fragt uns, wohin wir wollen. "Nach Jalal-Abad", antworten wir. Er erwidert: "Die Straße ist vorne wegen des Straßenbaus gesperrt, ihr könnt nicht nach Jalal-Abad." Ungläubig schauen wir ihn an. "Aber am Anfang steht ein nagelneues Verkehrsschild", versucht Klaus es noch einmal. Nein, er verschränkt die Arme zu einem Kreuz, was hierzulande ein eindeutiges Njet - Nein bedeutet. Wir kehren mal wieder um, fragen zur Bestätigung den Bauarbeiter, der uns vor wenigen Minuten noch durchgewunken hat. Njet, auch er verschränkt die Arme.

Fünf Tage und ca. 1000 Kilometer später stehen wir wieder an der gleichen Abzweigung der Hauptstraße von Bishkek nach Osh, an der wir abgebogen waren. Eigentlich ärgerlich, aber in Kirgistan bringt uns jeder gefahrene Kilometer durch immer neue beeindruckende Landschaften. Hier ist nicht das Ankommen, hier ist der Weg das Ziel.





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