Fahrverhalten des Landcruiser ohne Turbo in den Anden


Klaus, Oktober 2012:

Stell Dir vor, Du sitzt am Steuer Deines schwarzen Landys. Die Sonne brennt von einem stahlblauen Himmel und spiegelt sich im blank polierten Lack. Bizarr geformte, schneebedeckte Andengipfel ragen vor Dir auf. Du verlässt die asphaltierte Straße, passierst ecuadorianische Bauern mit ihren Lamas und nimmst elegant die Kurven, die Dich in immer steileren Serpentinen höher hinauf in die faszinierende Gebirgswelt entführen. Du überlegst gerade, ob Du vom zweiten in den dritten Gang schalten sollst, als wie von Geisterhand das Bergpanorama nur wenige Meter vor Dir von einer schneeweißen Nebelwand verschluckt wird.

Was auf den ersten Blick wie eine der abrupten, aber für die Anden so typischen Wetterwechsel anmutet, entpuppt sich schon nach wenigen Metern als ein von Menschenhand produziertes Phänomen: Ein Toyota Landcruiser quält sich, dichte weiße Wolken aus seinem Auspuff ausstoßend in Schrittgeschwindigkeit über den 4.000 Meter hohen Andenpass. Der Geruch von saftigen Wiesenkräutern weicht dem durchdringenden Gestank einer Ölplattform. Der von Dir nur einige Stunden zuvor auf Hochglanz polierte Lack Deines Landys wird von einer anfangs dünnen, doch schon nach wenigen Metern immer dicker werdenden, schmierig schwarzen Rußschicht überzogen.

Das einzige, was diese Situation für mich im Moment so unangenehm macht, ist die Tatsache, dass ich leider hinter dem Steuer des Toyota Landcruisers sitze. Nur ganz verschwommen sehe ich durch den dichten Nebel im Rückspiegel, wie man mir aus dem nachfolgenden Wagen mit wilden Gestiken und Aufblinken der Lichthupe zu verstehen gibt, dass wohl irgendwas mit unserem Auto nicht in Ordnung ist. Ach, welch eine Schmach! Hätte ich doch bei unseren letzten Treffen nicht zum wiederholten Male darüber gelästert, dass die Beiden an ihrem Landy mehr unter der Motorhaube hängen, als hinter dem Steuer. Nun haben sie mich doch wirklich in der einzigen Situation erwischt, wo unser Landcruiser deutliche Schwächen gegenüber dem Landy zeigt.

Doch diese Erfahrung ist nicht neu für mich. Nein, natürlich nicht die Schmach durch den Landy, das ist wirklich ganz starker Tobak. Ich meine vielmehr, den weiß-blauen Qualm aus unserem Auspuff, wenn wir große Höhen befahren. Warnt man in den einschlägigen Internetforen bei weißem Rauch vor defekten Zylinderkopfdichtungen, so lässt mich dieser Anblick mittlerweile doch recht ... Nein, kalt lässt er mich eigentlich nicht, dafür nervt es doch zu sehr, wenn man sich fast ohne Leistung quälend langsam in der Untersetzung qualmend und stinkend den Berg hinauf quält.

In Höhen ab 3.500 Metern wird der Landcruiser zum Nebelwerfer

Ein paar Hintergründe zu unserem Fahrzeug. Wir fahren einen Toyota Landcruiser HZJ 79, Jahrgang 2007, 80.000 km, 130 PS, Katalysator, kein Turbo, neue Diesel- und Luftfilter, mit großer Wohnkabine und einem Kampfgewicht von 3,5 Tonnen. Wir tanken hier in Ecuador einen Diesel, der einem zwar an der Zapfsäule bei einem Preis von 25 Cent/Liter ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert, der jedoch einen Reinheitsgrad aufweist, in dessen Vergleich die qualmenden Schornsteine des Bayer-Werkes das Reinheitssiegel eines Luftkurortes verdienen.

Zwischen 3.500 und 4.000 Höhenmetern fängt das Nebelphänomen an. Nicht immer, sondern meist dann, wenn man die asphaltierten Hauptstraßen mit ihrer meist gemäßigten Steigung verlässt und auf eine der Schotterstraßen abbiegt, die sich eher an die Relieflinien des Berges als an die Möglichkeiten des Autos anpassen. Bei Erhöhung der Drehzahl kommt erst schwarzer und etwas später bläulich-weißer Rauch aus dem Auspuff. Es stinkt kräftig nach Diesel. Die Leistung lässt deutlich nach und der Wagen fährt so unruhig als würde einer der Zylinder ausfallen.

Besonders intensiv ist der Qualm bei anspruchsvollen Offroad-Strecken bzw. wenn wir uns in der Untersetzung durch den Schlamm wühlen. Also immer dann, wenn der Motor unter Volllast arbeiten muss. Ausgeprägt ist die Rauchentwicklung darüber hinaus, wenn wir nach einer Pause im Leerlauf bei der Weiterfahrt wieder in einen größeren Drehzahlbereich kommen.

Weitestgehend verhindern kann ich das Qualmen, indem ich unmittelbar in den höheren Gang schalte und bei niedrigerer Drehzahl sehr langsam den Berg hochfahre (was jedoch nicht immer funktioniert, weil man will ja seinen Offroad-Spaß auch mal in der Höhe haben). Arbeitet der eingebaute Nebelwerfer erst bei Bergauffahrten zwischen 3.500 und 4.000 Metern, so beruhigt er sich bei Bergabfahrten erst ab einer Höhe von 2.500 Metern. Der Spritverbrauch entwickelt sich dabei umgekehrt proportional zum Fahrspaß: Aus normal 15 Litern/100km werden dann 20 Litern/100km.

Warum qualmt der Wagen weiß-blau, wenn er sich extreme Höhen hinauf quält?

Also die Zylinderkopfdichtung hat damit wirklich nichts zu tun. Das finde ich schon mal sehr beruhigend, weil es bedeutet, dass ich auch weiterhin mein Geld statt in teure Reparaturen in ein gekühltes Bier am Abend investieren kann. Sobald wir nämlich wieder auf Meeresniveau fahren - und das passiert in den Andenländern schon mal innerhalb weniger Stunden - läuft das Auto wieder wie ein Nähmaschinchen (oder wie nennt man diese schwarzen Fahrzeuge, die in Sibirien die Kohlen transportieren?) und auch der Verbrauch liegt wieder im grünen Bereich. Auch das Kühlerwasser behält seinen Level.

Jetzt bin ich persönlich ein Laie, was Motoren betrifft (vielleicht ist das ja der Grund, dass ich immer noch Bier trinke, statt bei Toyota in der Werkstatt zu sitzen), erkläre mir das Phänomen aber wie folgt: Der Sauerstoffgehalt in der Luft beträgt zwar überall 21%, doch der Luftdruck nimmt mit der Höhe stark ab und somit ist der Anteil der Sauerstoffatome pro Kubikmeter auf 3.500 Metern erheblich geringer als auf Meeresniveau.

Jetzt fährt aber ein Dieselmotor in der Hauptsache mit ganz viel Luft und relativ wenig Diesel. Da der Landcruiser ein Saugdiesel ist - also seine Verbrennungsluft weder durch einen Turbo, noch durch einen Kompressor bekommt - sondern über die Zugbewegung des Kolbens in den Brennraum saugt, kommen da einfach zu wenig Sauerstoffatome an, die dann durch die Verdichtung nicht mit dem Diesel explodieren. Der Sprit wird nur schön heiß gemacht (aber halt wohl nicht die notwendigen 700°C), vermischt sich mit der Luft und wird dann unverbrannt durch den Auspuff in einer voluminösen, weißen Wolke ausgestoßen.

Außer, dass sich dadurch der Verbrauch dramatisch erhöht und die Leistung empfindlich abfällt, wüsste ich nicht, ob der Motor dadurch dauerhaft geschädigt wird. Doch eines habe ich daraus gelernt: Ich läster nie wieder, wenn ich irgendwo einen Landy mit geöffneter Motorhaube sehen. Perfekt ist der Landcruiser nämlich auch nicht :-)




 Die Bücher zu unseren Abenteuertouren

impressum |  presse |