Klaus, Februar 2012:

Gibt es das richtige Alter?


Wenn man jung ist, hat man die Zeit, aber nicht das Geld. Wenn man endlich das Geld hat, hat man wegen des Jobs keine Zeit. Wenn man dann Zeit und Geld hat, ist man gebrechlich. Das richtige Alter für eine solche Tour scheint es nie zu geben. Doch die Reisenden, die wir unterwegs treffen, widerlegen diese Feststellung. Alle Altersgruppen sind vertreten.

Recht einfach ist das Reisen für junge Menschen. Die Phasen zwischen Schule, Universität, Beruf und Jobwechsel bieten sich geradezu an, um die Welt zu erkunden. Die Ansprüche an Komfort sind noch niedrig, genauso wie die Sorgen um die Zukunft. Nie wieder ist das Preis-Leistungsverhältnis so positiv wie in jungen Jahren. Bei meiner ersten Langzeitreise war ich 24 und habe mir keinen Kopf darum gemacht, einfach meinen Job zu kündigen. Mit fünftausend D-Mark bin ich drei Monate in einem alten Kastenwagen durch Skandinavien gereist. Zehn Tage nach meiner Rückkehr hatte ich wieder eine neue Stelle. Zwar nicht mehr in meinem alten Tätigkeitsfeld als Controller, sondern im Außendienst. Rückblickend das Beste, was mir passieren konnte, sonst wäre ich wohl heute ein Buchhalter. Möglich wurde dies nur, weil mir damals das Reisen wichtiger war als die Arbeit.

Dann folgt die Zeit der Karriere. „Wenn Du jetzt auf eine Langzeitreise gehst, kannst Du die Karriere vergessen. Dann bist Du weg vom Fenster. Abgeschrieben, aufgegeben!“ Wer das glaubt, ist entweder von Gestern oder kein Vorgesetzter. Im Management sind solche Touren heutzutage sehr anerkannt. Reisende sind weltoffen, sprachgewandt, Stress erprobt, entscheidungsfreudig und bei ihrer Heimkehr total erholt. Und das Beste ist: Diese Fortbildung kostet die Firmen keinen einzigen Cent.

Vor einigen Jahren wollte ich für eine Langzeitreise durch die USA erneut den Job kündigen. Meine Firma hat mir statt dessen ein Sabbatical mit anschließender Gehaltserhöhung angeboten. Nach meiner Rückkehr gab es keinen Karriereknick, sondern einen Durchstart. Ich habe soviel in und über die USA gelernt, dass das Unternehmen mich ins Management seiner amerikanischen Tochtergesellschaft versetzte. Es ist immer auch eine Frage, was man für sich selber aus einer solchen Reise herausholt und wie man es für den Beruf verkauft.

„Mit Kindern geht das alles nicht mehr!“ Ja und nein. In der Zeit der Schulpflicht ist es nicht möglich, mit Kindern zu reisen, das ist richtig. Doch Mütter und Väter haben bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres ihres Kindes einen Rechtsanspruch auf Elternzeit. Das ist dann sogar Reisen mit Wiedereinstellungsgarantie.

Neid und Bewunderung empfinde ich stets für die Langzeitreisenden in Rente. Neid, weil sie mit ihrer Rente ein regelmäßiges Einkommen beziehen und frei von Geldsorgen sind. Bewunderung, weil sie die Strapazen, die eine solche Reise mit sich bringt, so perfekt meistern. Viele der Älteren haben ihren eigenen Rhythmus im Reisen entwickelt. Sie reisen ein halbes Jahr, lagern dann ihr Auto im jeweiligen Reiseland ein und fliegen für die zweite Jahreshälfte in die Heimat. Wenn man es richtig koordiniert, besteht das Jahr mit einem Male nur noch aus Frühjahr und Sommer. Ist das nicht traumhaft?