Klaus, Januar 2013:

Habt Ihr auch schon mal Angst?


Diese Frage ist wohl fast jedem unangenehm. Man hat vielleicht Respekt, stellt sich einer Herausforderung oder ist über etwas besorgt, doch Angst? Angst hat man nicht und wenn man sie hat, gibt man sie nicht zu. Angst zu haben, bedeutet feige zu sein.

Aber ich hatte auf unserer Tour häufig Angst. Ich bin in meinem Leben zweimal im Wohnmobil überfallen worden, einmal in Norwegen, einmal in Italien. Seitdem habe ich ein mulmiges Gefühl im Bauch, wenn wir wild campen. Bei Tageslicht kann ich völlig entspannt vor dem Auto sitzen, egal wie viele Leute an uns vorbeifahren. Doch wenn es dunkel wird und ich draußen nichts mehr sehen kann, lausche ich auf das kleinste Geräusch. Wenn dann ein Auto vorbei kommt und langsamer wird, gar jemand aussteigt und an unserem Auto vorbeigeht, sitze ich senkrecht im Bett und habe die Ohren gespitzt wie ein Luchs.

Wenn wir gefährliche Pisten fahren, läuft mir häufig der Schweiß in Strömen den Rücken runter. Ich klammere mich an das Lenkrad, als könnte ich damit das Fahrzeug am Umkippen hindern. Wie häufig fällt nur Zentimeter neben unserem Vorderreifen die Schotterstraße senkrecht in die Tiefe? Dann spielt es keine Rolle, ob es nur zehn Meter nach unten geht oder hundert Meter. Wenn keine Leitplanke den Fall in die Tiefe verhindert, dann hat man die Wahl zwischen Totalschaden und Tod.

Die Fahrt durch chaotische Städte mit verstopften Straßen und zwischen den Autos hindurch wuselnden Mopeds und Fußgängern treibt mir immer wieder das Entsetzen in die Glieder. Nicht nur die ständige Angst vor der korrupten Polizei, sondern auch die Furcht vor einem Unfall in einem fremden Land. Wie kann ich meine Unschuld bezeugen? Ohne perfekte Sprachkenntnisse als reicher Mann in einem Entwicklungsland? In den meisten Ländern Lateinamerikas kommt man bei einem Personenschaden bis zur Klärung der Schuldfrage erst einmal ins Gefängnis!

Immer wieder wird man mit politischer Instabilität konfrontiert. Wir standen im Hochland von Bolivien vor einer Straßenblockade der aufbegehrenden Landbevölkerung und mussten die ganze Nacht dort verbringen. In Ecuador haben wir mit einem deutschen Reisenden den Abend verbracht, der einige Wochen später von der Nationalen Befreiungsarmee Kolumbiens ELN entführt und monatelang festgehalten wurde. Nur Tage nachdem wir im peruanischen Cusco waren, wurden dort amerikanische Traveller von der indigenen Dorfbevölkerung fast gelyncht. Wenn man so etwas hört, wird man ganz schön sensibilisiert.

Die Angst begleitet einen immer wieder auf einer solchen Tour. Und das ist auch gut so. Ohne Angst wird man unvorsichtig und leichtsinnig. Man führt ein prädestiniertes Leben mit vielen Abenteuern und Freiheiten, doch man trägt auch für alle Handlungen selber die Verantwortung. Es gibt keine Versicherung, die einem Schäden ersetzt; keine Leitplanken, die einen Auffangen; keine Vorgesetzten, die für einen die Verantwortung übernehmen. Angst ist immer eine Konsequenz auf fehlende Sicherheit.

Dafür lernt man etwas, was in unserer heutigen Gesellschaft der „Sicherheit“ häufig in Vergessenheit gerät und verkümmert: Man geht an seine Grenzen, schärft seine Sinne, übernimmt Verantwortung, lernt Risiken abzuschätzen und Menschen besser einzuschätzen.