Klaus, Juli 2013:

Was mache ich aus meinem Leben?


Es ist doch jede Woche das Gleiche: Montag ist der schlimmste Tag. Samstag, Sonntag sind gerade vorbei und der Wecker am Morgen erinnert unsanft an den Rhythmus der nächsten fünf Tage. Mittwoch zwölf Uhr ist „Bergfest“. Die halbe Arbeitswoche ist geschafft. Freitag Nachmittag kommt einem schließlich vor wie die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung: Endlich Wochenende! Bin ich etwa schon wieder urlaubsreif?

Früher war ich nicht so schlimm, eher das Gegenteil. Die Arbeit war für mich ein wichtiger Bestandteil meines Lebens, meist sogar der Fixstern, um den sich alles drehte. „Ohne mich läuft da gar nichts,“ dachte ich mit Genugtuung, wenn im Büro alles gut lief. Jahre später dachte ich das auch noch, aber dann eher mit Grausen, wenn mal wieder etwas schief lief. Überforderte mich etwa meine Arbeit?

Die Arbeit, das war die Quelle des Wohlstands: Wohnung, Auto, Urlaub. So lange ich jung war, stimmte das Gleichgewicht. „Die Arbeit wird heutzutage immer anspruchsvoller,“ sagen die einen. „Wir müssen immer mehr mit immer weniger Leuten schaffen,“ sagen die anderen. Werden die Arbeitgeber wirklich immer unbarmherziger?

Oder sind das alles Fragen, die letztendlich auf die Feststellung hinauslaufen: Will ich den gleichen Job auch noch für die nächsten zwanzig Jahre machen? Ich bin über Vierzig und habe nochmal die gleiche Anzahl Lebensjahre vor mir. Was ist wirklich wichtig im Leben? Habe ich bisher richtig gelebt? Was habe ich verpasst? Bin ich in einer Sackgasse? Ich bin zwar nicht unzufrieden mit der Vergangenheit, wäre aber unzufrieden, liefe in der Zukunft alles genauso weiter.

Ich glaube, ich habe die Midlife Crisis. Ich bin in dem klassischen Alter, in dem sich Männer darüber Gedanken machen, ein Motorrad zu kaufen. Am Besten eine Enduro, damit jeder sieht, was für ein Abenteurer „Mann“ ist. Und weil der Körper doch schon älter ist als „Mann“ sich fühlt, muss es ein 1200-er BMW sein. Oder vielleicht doch lieber das Cabriolet?

Ein neues Hobby muss auch her. Joggen wirkt mit einem Male so altbacken und vernünftig. Offroading hat ein cooleres Image. Man wühlt sich mit dem Geländewagen durch den dicken Schlamm, saut sich ein von unten bis oben, sitzt abends mit Bier und Zigarette am Lagerfeuer und diskutiert über Differentialsperren und Verschränkungen.

Ich verstehe nicht, warum man sich über die Midlife Crisis lustig macht. Die Midlife Crisis ist die große Chance, die scheinbar vorgegebene Zukunft zu hinterfragen, ausgetretene Pfade zu verlassen und noch einmal etwas völlig Neues zu beginnen, bevor es zu spät ist. Das Materielle, was früher noch so wichtig war, rückt in den Hintergrund, die großen Werte des Lebens in den Vordergrund: Gesundheit, Glück, Liebe, Zufriedenheit. Als wir, meine Frau Petra und ich, 2010 unsere Jobs kündigten, haben wir uns ganz bewusst gegen weitere Karriere und größeren Wohlstand und für mehr Zeit entschieden. Wir haben Haus gegen Wohnmobil getauscht, hohen finanziellen Standard gegen Bescheidenheit, ein Leben im Alltagstrott gegen das Abenteuer.

Statt hinter dem Schreibtisch nehmen wir heute hinter dem Lenkrad Platz. Statt über Kalkulationen zu brüten, studieren wir Landkarten. Statt in endlosen Meetings zu hocken, befahren wir atemberaubende Pisten. Statt auf die Weisheit des Chefs zu vertrauen, übernehmen wir selber Verantwortung für unser Tun. Statt abends im Restaurant zu speisen, grillen wir dicke Steaks über dem Lagerfeuer.